Schleswig-Holstein.NABU.de Natur vor Ort Spinne, Wespe & Co. Spinnentiere
Schwarzgelb gestreift, kopfüber im Netz
Neubürger: Die Wespenspinne
NABU bittet um Meldungen aus Schleswig-Holstein
Auffällige Art
Im Mai jeden Jahres verlassen die winzigen jungen Wespenspinnen ihre Kokons, in denen sie den Unbilden des Winters trotzen konnten. Bis zum Sommer machen sie zahlreiche weitere Häutungen durch und erhalten ihre charakteristische Tracht mit den gelben, schwarzen und weißen Querstreifen auf dem Hinterleib. Seit einigen Jahren breitet sich die auffällige, große Spinnenart in Schleswig-Holstein aus. Da die Verbreitungsgrenze nordwärts verschoben wird, mag der Gedanke an einen Zusammenhang mit der Klimaerwärmung nahe liegen. Wie sich die Wespenspinne als Neubürger in die heimische Fauna integrieren wird, muss die Zukunft erweisen. Um einen Überblick über den derzeitigen Verbreitungsstatus zu erhalten, ergeht mit einer Beschreibung der Biologie dieser Art die Bitte an die NaturbeobachterInnen, Funde an die Autoren mitzuteilen. Das Weibchen der Wespenspinne erreicht eine Körperlänge von 14 bis 17 mm. Wegen der gelben, schwarzen und weißen Querbänderung ihres Hinterleibes wird sie als Wespenspinne oder Zebraspinne bezeichnet.
Derzeit bekannte Verbreitung der Wespensinne in Schleswig-Holstein
Ausbreitung in Mittel- und Nordeuropa
Das Verbreitungsgebiet der Wespenspinne reicht vom Mittelmeerraum bis an die asiatische Pazifikküste. Um 1900 bestanden in Deutschland nur zwei Vorkommen im Oberrheingraben mit unterem Maintal und bei Berlin. Möglicherweise war zumindest das Berliner Vorkommen ein Relikt aus der nacheiszeitlichen Wärmeperiode. Von diesen beiden "Wärmeinseln" breitete sich die Spinne im Laufe des 20. Jahrhunderts überwiegend durch Windverdriftung der Jungspinnen weiter aus. Die Berliner Population besiedelte nach 1920 Polen und Ostdeutschland. Nordwärts hat die Wespenspinne im Jahre 1989 die schwedische Insel Gotland und auf dem Festland nahezu die Höhe von Stockholm erreicht. In Dänemark wurde die Wespenspinne nach 1992 nördlich von Kopenhagen, sowie auf mehreren Inseln gefunden. Aus dem Norden Jütlands wurde sie 2001 und in Norwegen erstmals 2004 etwa 100 km südlich von Oslo gemeldet. Vom Oberrhein her dehnte sich das Vorkommen entlang des Maintals ab 1953 ostwärts bis ins Inntal und nach München aus. Ab 1930 breitete sich diese Population der Wespenspinne auch weiter nordwärts aus und erreichte nach 1950 den Kölner Raum und das südliche Niedersachsen. Über Frankreich und Belgien erreichte sie die Niederlande und überwand von dort aus 1922 den Ärmelkanal.
Wespenspinne mit Kokon
Ausbreitung in Schleswig-Holstein
Die Wespenspinne ist nach derzeitiger Kenntnis erstmals Anfang der 1970er Jahre von Osten her bis nach Schleswig-Holstein vorgedrungen. Zu dieser Zeit wurde sie bei Mölln (heute u. a. NSG Büchener Sander), auf dem Bottsand und bei Krumstedt beobachtet. Ende der 1980er Jahre wurde die Wespenspinne verstärkt in Schleswig-Holstein beobachtet, so in Lensterstrand, am Barkauer See und in der Schaalsee-Region. Innerhalb des Östlichen Hügellands ist sie in den letzten Jahren im Nordwesten bis in den Raum Flensburg vorgedrungen. Auch das NSG Krummsteert-Sulsdorfer Wiek auf Fehmarn ist besiedelt. Nach 1996 wurde sie weiter westlich gefunden, so bei Henstedt-Ulzburg, Bornhöved, Reesdorf, Westensee, Fleckeby, Selk, Schülp bei Rendsburg, Aukrug-Böken, Arpsdorf, Kölln-Reisiek, Tornesch-Ahrenlohe und Seester. Besonders bemerkenswert ist der Nachweis mehrerer Weibchen und Eikokons in den Küstendünen der Nordseeinsel Trischen im Jahre 2005. Auch das NSG Wöhrdener Loch im Meldorfer Speicherkoog hat sie in 2006 erreicht. Ob die Spinne im Kreis Nordfriesland auftritt, ist nicht bekannt. Aus Schleswig-Holstein liegen für den Zeitraum 1970 bis 2006 über 173 Fundortmeldungen der Wespenspinne vor.
Wespenspinnen fressen vor allem Heuschrecken
Lebensraum
Alle Flächen, die im Laufe des Sommers gemäht werden oder dicht bewaldet sind, eignen sich nicht für das Fortbestehen der Wespenspinne. Besonders günstige Lebensraumeigenschaften bieten ihr die punktuell vorkommenden extensiv und nicht genutzten Flächen, die zugleich relativ Wärme begünstigt sind. Dabei wurde die Wespenspinne in Ruderalfluren, auf Trockenrasen und Sandheiden, auf extensiv genutzten trockenen bis frischen Grünlandflächen und in feuchten Hochstaudenfluren beobachtet. Für die an ihrem Seidenfaden einschwebenden Jungspinnen ist die Wahrscheinlichkeit außerordentlich gering, auf einer dieser kleinen "Inseln" zu landen.
Das Netz
Zum Aufhängen der Netze und Kokons bevorzugen Wespenspinnen besonnte Vegetation aus Gräsern, Kräutern oder niedrigen Sträuchern mit stabilen pflanzlichen Vertikalstrukturen. Bestände des Besenginsters bieten der Wespenspinne offensichtlich besonders günstige Bedingungen. Das Netz der Wespenspinne gleicht in der Größe und im Aussehen zunächst dem einer Kreuzspinne. Während die Kreuzspinnen ihre Netze in Höhen bis zwei Meter hängen, findet man die Netze der Wespenspinne stets unter einem Meter Höhe. Das fertige Netz der Wespenspinne zeigt in der Mitte in den meisten Fällen eine verdichtete Gespinstlage mit einem vertikal verlaufenden Zick-Zack-Muster von weißen Spinnweben, das als "Stabiliment" bezeichnet wird. Im Gegensatz zur Kreuzspinne baut die Wespenspinne kein Versteck, in das sie sich zurückzieht, sondern sie sitzt mit ihrem auffälligen Rückenmuster auf dem Stabiliment mitten im Netz und wartet, dass sich Insekten verfangen.
Typischer Lebensraum der Wespenspinne
Nahrung
Die Beute der ausgewachsenen Wespenspinnen besteht überwiegend aus Feldheuschrecken. Als neues Faunenelement könnte die Wespenspinne in Nahrungskonkurrenz zu anderen Radnetzspinnen treten. Dies ist aber offenbar kaum der Fall. Die Wespenspinne hängt ihr Netz relativ bodennah auf und fängt dort in erster Linie größere, springende Beutetiere. Dagegen bevorzugen die häufigen Kreuzspinnenarten die offeneren oberen Etagen der Vegetationsspitzen und erbeuten dort vor allem kleinere fliegende und vom Wind verdriftete Insekten.
Fortpflanzung
Die gegenüber den Weibchen recht kleinen Männchen begeben sich, beständig artspezifisch an den Fäden zupfend, auf die Peripherie des von einem Weibchen besetzten Netzes, um schließlich mit ihm zu kopulieren. Bei etwa 80 % der Kopulationen wird das Männchen anschließend vom Weibchen als Beute behandelt ("Sexualkannibalismus"). Ab Mitte August verlassen die Weibchen ihr Netz und umspinnen, zumeist nur wenige Dezimeter entfernt, in der dichteren Vegetation ein Gelege von etwa 300 Eiern mit einer festen Hülle. Diese Kokons sind oftmals recht frei und auffällig installiert. Sie sehen krugförmig aus und fallen durch ihre Größe und hellbeige Farbe auf. Die Abmessungen liegen bei 11,5 bis 27,5 mm Breite und bei 12,3 bis 32 mm Höhe. Kurz nach Fertigstellung des Kokons stirbt das Weibchen ab. Die Jungspinnen überwintern im Eikokon ... und fliegen davon. Bereits nach wenigen Wochen der Ruhe schlüpfen die ersten Jungspinnen aus den Eiern. Sie verbleiben während des Winters innerhalb des Kokons und verlassen ihn erst ab Mitte Mai. Dann krabbeln sie bei ihnen zusagender Witterung ohne Verzug auf die nächststehenden Halmspitzen. Dort geben sie einen Spinnfaden ab, mit dem sie sich forttragen lassen ("Altweibersommer").
Heuschrecken wie die Sumpfschrecke zählen zur Nahrung der Wespenspinne
Sind noch höhere Pflanzenteile im Wege, verfängt sich der Faden daran. Die Spinnen erklettern die höhere Spitze und machen einen neuen Startversuch. Auch von ihrem "Hochtrapez" aus versuchen sie den Abflug. Ist die Thermik stark genug, nimmt die Fahrt ins Ungewisse ihren Lauf. Die gesamte Besatzung eines Eikokons entschwindet innerhalb einer halben Stunde in die Lüfte. Unter günstigen Bedingungen mögen die Spinnen dann fünf Meter, vielleicht aber auch fünfhundert Kilometer weit verdriften. Der Ort der Landung wird von den Luftströmungen bestimmt. Sogleich nach der Landung beginnen die Spinnen mit dem Bau eines Fangnetzes. In den Wochen nach einer erfolgreichen Landung durchlaufen die Jungspinnen 9 bis 12 Häutungen bis zur Geschlechtsreife im Juli. Sollte einer Spinne die Landung an einem zusagenden Ort gelungen sein, so fehlt zur dauerhaften Besiedlung immer noch das andere Geschlecht.
Bitte melden Sie ...
Bei so auffälligen Arten wie der Wespenspinne können Arealveränderungen sehr gut nachvollzogen werden. Daher am Schluss der Aufruf: Wenn Sie Wespenspinnen in Schleswig-Holstein beobachten oder in den Vorjahren beobachtet haben, teilen Sie es uns bitte mit. Interessant sind neben dem Fundort und dem Datum bzw. Jahr auch Angaben zur Anzahl der beobachteten Tiere bzw. Kokons sowie zum Lebensraum.
Kontakt
Dr. Kuno Brehm
Ringstraße 9
24802 Emkendorf-Bokelholm
Tel./Fax 04330/430
Brehmnatur@gmx.de
Christian Winkler
Bahnhofstraße 25
24582 Bordesholm
Tel. 04322/8879939
Chr.-winkler@web.de
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