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Das Wunder des Vogelzugs
Das Wunder des Vogelzugs
Ein besonderes Phänomen
Auf schlanken Schwingen nach Afrika und zurück: Die Flussseeschwalbe
Lange bevor der Mensch existierte, flogen Zugvögel weite Entfernungen über Land und Meere. Im Laufe der Evolution in Millionen von Jahren haben viele Vogelarten ein offensichtlich sehr erfolgreiches Instrument entwickelt, das die Umweltbedingungen unterschiedlicher Klimagebiete optimal nutzt. Der zeitweise Aufenthalt in manchmal Tausende Kilometer voneinander entfernt liegenden Brut- und Überwinterungsgebieten ist offensichtlich sowohl biologisch als auch "ökonomisch" sinnvoll und kennzeichnet den Erfolg so vieler Vogelarten bei der Besiedelung auch extremer Standorte unseres Planeten.
Das Wunder der Orientierung
Je mehr man den Vogelzug erforschte, desto unglaublicher wurde er: Orientierung und Navigation bei Tag und Nacht, bei bedecktem Himmel oder Sonnenschein über Tausende von Kilometern. non-stop-Flüge über Wüsten, Ozeane und Gebirge. Pünktliche Ankunft an den Brutplätzen, oft auf den Tag genau, nach Reisen von 8000 bis 10000 km. Wenige Wochen alte Jungvögel fliegen Tausende von Kilometern über ihnen unbekanntes Gebiet, finden einen Platz in den Tropen, wo sie ausreichend Nahrung finden, um rechtzeitig wieder abzufliegen und ihren Geburtsort zur Brutzeit wiederzufinden.
Eine phantastische Leistung: aber was veranlasst einen Zugvogel, reiche Nahrungsgebiete und warmes Klima schon dann zu verlassen, wenn das Zielgebiet, der Brutplatz z.B. in Sibirien, noch unter Eis und Schnee liegt? Ist solches Verhalten angeboren? Gibt es äußere Faktoren, die den Zugtrieb auslösen?
Warum gibt es überhaupt den Vogelzug?
Diese Fragen lassen sich nur mit Vermutungen und Theorien und z.T. mit wissenschaftlichen Untersuchungsergebnissen beantworten. Obwohl die Menschen den Vogelzug seit Jahrtausenden beobachtet haben, sind wissenschaftliche Untersuchungen erst im 18. Jahrhundert begonnen worden. Die Vogelwarte Helgoland, als älteste Beobachtungsstation der Welt, hat dabei für die Erforschung der Vogelwanderungen entlang der Küsten Maßstäbe gesetzt.
Fast alle Vogelarten der Arktis und der nördlichen Halbkugel sind Zugvögel. Weiter südlich, je wärmer und milder das Klima wird, desto weniger Arten ziehen. Die Bachstelze z.B. ist ein Teilzieher. Die schottischen Bachstelzen im Norden der Insel fliegen im Winter bis nach Spanien, während die südenglischen Populationen in ihren Brutgebieten bleiben. Die meisten Insektenfresser aus unseren Breiten, wie Schwalben und Grasmücken, ziehen im Herbst. Einige bleiben, wie z.B. die Meisen, und leben im Winter von Samenkörnern. Von den über 360 Vogelarten Westsibiriens sind 302 Zugvögel. In den gemäßigten Zonen ist der Zugvogelanteil wesentlich niedriger. Hier hat sich häufig ein ausgeprägtes Wanderverhalten vieler Arten entwickelt. Offensichtlich ist entscheidend für solche Verhaltensweisen, dass die Vögel ihre große Mobilität nutzen, um die für die Arterhaltung besten Bedingungen in unterschiedlichen oft weit auseinander liegenden Lebensräumen zu nutzen. Es lohnt sich für die Blässgänse in der Einsamkeit der sibirischen Tundra ihre Jungen aufzuziehen, dann dem nordischen Winter auszuweichen und ihn auf den saftigen Wiesen bei uns oder weiter südlich zu verbringen.
Wie ist der Vogelzug entstanden?
Der Vogelzug hat sich vor etwa 25 Millionen Jahren entwickelt. Die Eigenschaft des Fliegens ermöglichte den Vögeln die ganze Erde als Lebensraum zu erobern. Dabei wurden auch Gebiete besiedelt, deren Klima wenige Monate optimale Lebensbedingungen boten, die sich dann aber im Jahresrhythmus drastisch verschlechterten. Eine Abwanderung in bessere Nahrungsgründe war notwendig fürs Überleben. Jahreszeitliche Wanderungen auch über große Entfernungen in Gebiete, die jeweils die besten Lebensmöglichkeiten bieten, sind offensichtlich vorteilhaft für viele Vogelarten. Das Wanderverhalten ist Teil der Evolution und hat sich in den Genen fest verwurzelt. Es ist angeboren. Auch Standvögel wie Elster oder Tannenhäher unternehmen gelegentlich periodische Wanderungen. Man kann also vermuten, dass alle Vögel potentiell Zugvögel sind.
Vogelzug in unserem Raum
Schleswig-Holstein mit dem Wattenmeer, seinen Küstenbereichen und dem Unterelberaum ist für den Vogelzug nach der letzten Eiszeit vor etwa 9.000 Jahren von besonderer Bedeutung. In 9.000 Jahren eisfreier Zeit haben Vögel vormals Eis bedeckte Gebiete zurückerobert, die sie 50.000 Jahre lang besiedelt hatten. Der gegenwärtige Vogelzug nutzt mit hoher Regelmäßigkeit unser Gebiet als Überwinterungs- und Durchzugsgebiet. Schwärme von 20.000 rastenden Gänsen sind keine Seltenheit und Millionen von Überwinterungsgästen machen das Wattenmeer, die Küstenbereiche und unsere Marsch zu einer Drehscheibe von weltweiter Bedeutung für den Vogelzug und den Vogelschutz.
Text
Hans Ewers
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