Mikrokosmen am Wegesrand
Wie lassen sich artenreiche Saumgesellschaften (Ökotone) ökologisch entwickeln? Eine naturschutzfachliche Handreichung
Blütenmeer an einer Böschung in der Ohlendieksau - Foto: Thomas Behrends
Mit der Biodiversitätsstrategie Schleswig-Holstein, genannt „Kurs Natur 2030“, rief das Umweltministerium Schleswig-Holsteins den Start einer „Initiative für terrestrische Schutzgebiete“ aus. Eine wichtige Rolle für den Schutz der Artenvielfalt nehmen laut dieser Strategie die Säume und Randstreifen ein. Diese Lebensräume werden unter dem Fachbegriff Ökotone verstanden. Ihr Anteil im Land soll von bisher 5,4 Prozent auf 8 Prozent der Landesfläche steigen, vor allem soll laut Strategie aber ihre qualitative Eignung als Lebensraum verbessert werden.
Dieser initiative Vorstoß des MEKUN bleibt bisher noch etwas unklar. Der Begriff „Ökoton“ ist nicht so leicht planerisch zu greifen wie Moor, Heide oder Kleingewässer – also räumlich und vegetationskundlich klar erkennbare und damit abgrenzbare Biotope.
Der NABU hat daher eine aktuelle Handreichung zusammengestellt, die Dreierlei erläutert:
- Was genau versteht man unter Saumgesellschaften und Ökotonen (Ökotonen) und wo sind sie zu finden?
- Welchen naturschutzfachlichen Wert haben diese Biotope?
- Welchen Gefährdungen sind sie ausgesetzt?
Dem NABU ist es ein besonderes Anliegen, am Beispiel von Ökotonen aufzuzeigen, welche Entwicklungsmöglichkeiten für den Naturschutz sich auf Grundlage einer Landschaftsanalyse und in der Natur vorhandener Potenziale bieten.
Breite Feldwege in der Geest bieten hervorragende Entwicklungsmöglichkeiten für botanisch artenreiche Heide- und Magerrasensäume. Hier ein Beispiel östlich von Bad Bramstedt, wo mit wenigen Maßnahmen ein artenreicher Saum wieder entwickelt werden kann. - Foto: Thomas Behrends
Im Wesentlichen sind Ökotone Ausdruck des ökologischen Übergangs von einem Biotop zu einem anderen Biotop. Die Vegetation in Ökotonen wird durch Saumgesellschaften geprägt. Diese können sich nur entwickeln, wenn störende Eingriffe durch den Menschen wie Bodenbewegungen, Mahd, Beweidung oder Ackerbau zeitlich höchstens sporadisch und nicht raumgreifend stattfinden.
Dazu zählen landwirtschaftlich nicht genutzte und durch offene Rohböden charakterisierte Flächen wie bspw. in Kiesgruben oder ungenutzte Areale in Industrie- und Gewerbefläche, Flächen unter Stromtrassen. Die Ruderalstandorte unterscheiden sich hinsichtlich ihrer ökologischen Rahmenbedingungen von Saumgesellschaften, da sie durch eine rasch veränderliche Pioniervegetation gebildet werden. Aus naturschutzfachlicher Sicht sind vor allem trocken-sandige Ruderalfluren dynamischer Standorte von hohem Wert. Oftmals sind diese Lebensräume nur auf Zeit in Industriebrachen oder Kiesgruben entwickelt.
Die naturschutzfachliche Handreichung zielt auf den Erhalt natürlich entstehender Saumgesellschaften – also naturnaher Ökotone, die sich infolge fehlender oder geringer Nutzung als natürliche Sukzession durch spontan auftretende Vegetation von hohem ökologischem Wert entwickeln.
Beispiele von Saumgesellschaften
Im Bereich von Auen und entlang von Gewässern entwickeln sich Mädesüß-Gesellschaften (Filipendulion). Diese Hochstaudenfluren in den dortigen feuchten, teils halbschattigen Biotopen auf natürlich nährstoffreichen Standorten besonders wuchsfreudig. Feuchte Hochstaudenfluren entlang von Gewässern werden zum FFH-LRT 6430 gerechnet und sind damit unter den Saumgesellschaften besonders geschützt.
An Waldinnensäumen, halbschattigen Feldwegen, Reddern oder Wanderwegen befinden sich Hochstaudenfluren frischer, teils auch feuchter Ausprägung, die einen hohen Stellenwert für den Naturschutz haben. Eine typische Pflanzenart der Säume an Reddern ist die Nesselblättrige Glockenblume Campanula trachelium. Auch Saumgesellschaften mit Sumpf-Storchschnabel Geranium palustre oder der Behaarten Karde Dipsacus pilosa zählen dazu. Diese Pflanzenarten haben besondere ökologische Ansprüche und kommen natürlicherweise nur in einem beschränkten geografischen Areal in der für Schleswig-Holstein typischen Jungmoränenlandschaft vor.
An Waldrändern wachsen natürlicherweise ausdauernde Saumgesellschaften, deren namensgebende Art der Mittlere Rotklee Trifolium medium ist. Diese Pflanzengesellschaft ist unter nährstoffarmen Verhältnissen in warmen Lagen natürlicherweise reich entwickelt. Der Wirbeldost Clinopodium vulgare ist eine einstmals typische, heute jedoch selten geworden Staude dieser Saumgesellschaften. Auf sandigeren Böden tritt nur noch selten die Berg-Platterbse Lathyrus liniifolius in Erscheinung. Der Große Odermennig Agrimone procera ist in Schleswig-Holstein ein steter Saumbegleiter auf sandigeren Böden. Die Art kommt jedoch nur lokal häufig vor und ist landesweit stark gefährdet.
Wanderweg im NSG Oberer Herrenteich: Nach Einstellung der Wegrand-Mulchmahd konnte sich hier der Sumpf-Storchschnabelsaum wieder entwickeln. - Foto: Thomas Behrends
Woran erkenne ich die Standorte artenreicher Ökotone?
- Für den Erhalt der Artenvielfalt von besonderer Bedeutung sind Ökotone, die sonnenexponiert und durch lockere, niedrige und kräuterreiche Vegetation geprägt sind. Unter Saumgesellschaften werden auch Vegetationstypen der Borstgrasrasen, Sandheiden und in der Jungmoränenlandschaft die oben erwähnten Ausprägungen mit Mittlerem Rotklee Trifolium medium zusammengefasst. Die Böden sind wasserdurchlässig und relativ nährstoffarm. Die Vegetation ist nicht geschlossen und lässt Sonnenschein bis auf den Boden zu.
- Sehr wertvoll sind auch sonnenexponierte, alte Waldränder mit ausdauernden, natürlichen Saumgesellschaften.
- Böschungen und Steilhänge im Binnenland bieten bei Gehölzfreiheit günstige Voraussetzungen für die Entwicklung artenreicher Saumgesellschaften.
- Breite Feldwege/Sandwege aus der Zeit der Rindertriften sind vor allem in der Geest vielfach noch erkennbar, aber oft von Überwucherung betroffen. An ihren teilweise bis über 10 Meter breiten Randbereichen können Saumgesellschaften als Verbindungskorridore entwickelt werden.
- Feuchte Säume an Grabenböschungen und Wegrändern bieten Raum für Röhrichtarten in Gräben bis hin zu Stauden an den Böschungen.
Große Bedeutung für Insekten
Ökotone spielen eine wichtige Rolle für den Erhalt der Artenvielfalt. In Säumen ist aufgrund der ausbleibenden Nutzung ein kontinuierliches Blütenangebot vorhanden, vor allem aber können die Pflanzenarten ihren Vegetationszyklus über das gesamte Jahr abschließen. So können neue Generationen phytophager, also pflanzenfressender Insektenarten ungestört zur Entwicklung kommen. Viele blütenbesuchende Insekten, darunter viele Falterarten, fliegen auf der Suche nach Nektar und Pollen weit umher und nutzen Ökotone als Nahrungsgebiete. Ihre Entwicklungsbiotope liegen aber in anderen Lebensräumen. Die unterschiedlichen Biotope sind jedoch Voraussetzung für das Überleben dieser interessanten Insektenarten, die als Verschiedenbiotop-Bewohner bezeichnet werden.
Der Behaarte Ginster Genista pilosa ist in Schleswig-Holstein sehr selten geworden. Die generative Vermehrung der Art hängt auch davon ab, dass der kleine Ginster nicht nur zur Blüte kommt, reife Samen ausbildet, sondern auch davon, dass die Böden nicht zu stark versauert sind. - Foto: Thomas Behrends
Gefährdung von Ökotonen
Die größten Bedrohungen für Ökotone sind Eutrophierung (zu hoher Nährstoffeintrag durch Überdüngung), Versauerung der Böden sowie unangepasste Nutzungsformen. Große Flächenanteile von Saumstrukturen wurden in landwirtschaftliche Nutzflächen überführt, in Wäldern wurden Saumstrukturen aufgeforstet und dadurch verdrängt.
- Die hauptsächliche Gefährdung von Ökotonen geht grundsätzlich von direkten oder indirekten Nährstoffeinträgen aus. In der Folge breiten sich sehr schnell hochwüchsige Gräser, Brennnesseln oder Brombeeren aus. Die Vegetation verfilzt und verarmt.
- Flächenverlust durch Ausdehnung der landwirtschaftlichen Ackerflächen oder durch intensive Nutzungsformen wie das Mulchen von Wegen und Böschungen sind die maßgebliche Ursache für den allgemeinen flächenhaften Rückgang der Ökotone.
- Die Aufforstung entlang von Waldwegen und Waldinnensäumen stellt eine besondere Gefährdung für alle Waldrandökotone dar. Aufforstung vor sonnigen, alten Waldrändern mit ihren natürlichen Saumgesellschaften entwertet diese wertvollen Strukturen ökologisch.
Steilhang im Binnenland - Foto: Thomas Behrends
Handlungsempfehlungen zum Schutz von Ökotonen
Oberstes naturschutzfachliches Ziel ist ein möglichst langfristiger Erhalt der Flächenausdehnung linearer oder flächiger Ökotone. Am wichtigsten sind dabei der Schutz alter Strukturen sowie der Erhalt und die Wiederherstellung von sonnig-offenen Ökotonen mit nur geringem Einfluss von Gehölzen.
Beim Thema Wiederherstellung sind natürliche Pflanzengesellschaften erstes Ziel: Ökotone sind, wie geschildert, je nach ihren ökologischen Voraussetzungen von Natur aus artenreich entwickelt. Man muss sie nicht mit Hilfe von Saatgut oder bewurzelten Topfpflanzen „wieder herstellen“. Der Fokus sollte stattdessen auf einer sorgfältigen Zustandserfassung und Kartierung an bekannten Orten seltener oder sehr seltener Pflanzenarten liegen. Ausgehend vom Ist-Zustand geht es zum einen darum, Schutzmaßnahmen zum Erhalt vorhandener Ökotone umzusetzen. Zum anderen soll den durch Überwachsen gefährdeten Ökotonen mit Freistellung und intensiver Gehölzpflege wieder Raum zur Entfaltung ihrer natürlichen Artenvielfalt gegeben werden.
Die komplette Handreichung - in Kürze hier zum Download verfügbar - bietet eine ausführliche Darstellung zu Charakteristik und Merkmalen von Saumgesellschaften mit konkreten Empfehlungen für Schutz und Wiederherstellung dieser wertvollen und hoch gefährdeten Lebensräume seltener Pflanzen und Insekten.
Thomas Behrends, NABU-Referent für Naturschutz und Biodiversität
28.07.2026
