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Mit frischem Wind an vielen Schauplätzen aktiv
Der langjährige Einsatz des NABU zum besseren Schutz der Schweinswale bei Testsprengungen der Marine in der Ostsee zeigte 2024 Wirkung: Im Oktober wurde bei Ansprengversuchen der Fregatte "Karlsruhe" ein doppelter Blasenschleier eingesetzt. - Foto: Florian Graner
Nach einer längeren Phase des Übergangs konnte der Landesverband zu Beginn des Jahres 2024 die Segel setzen und mit frischem Wind in See stechen. Mit der Neubesetzung der Geschäftsführung im April wurde das Führungsteam vervollständigt, sodass fortan genügend Ressourcen für die anstehenden Aufgaben mobilisiert werden können.
Diese Neuformierung war ein dringend notwendiger Schritt, um den Verband in Zeiten wahnwitziger Beschleunigungsgesetze in Position zu bringen. Denn der Druck auf den Naturschutz nimmt zu: Allein mit dem Ausbau der Windenergie auf Basis des sogenannten Landesentwicklungsplans (LEP), der Forcierung der hochproblematischen CCS-Technologie, also der CO2-Verpressung in der Nordsee, oder des wieder akut gewordenen A20-Ausbaus hatte der NABU SH im vergangenen Jahr alle Hände voll zu tun. Es geht derzeit häufig darum, bei
den Planungen von Großprojekten in Schleswig-Holstein ein Maximum an Zugeständnissen für den Naturschutz zu erwirken. Das gelang z. B. auf Eiderstedt, wo nach intensiver fachlicher Überzeugungsarbeit des NABU gemäß LEP keine weiteren Windenergieanlagen mehr vorgesehen sind oder bei den so genannten Ansprengversuchen der Bundeswehr in der Ostsee im Oktober 2024. Dort trug u.a. der Einsatz eines doppelten Blasenschleiers zur Schonung der Schweinswale bei. Dieses Umdenken hin zur Anerkennung ihrer Verantwortung zum Meeres- und Artenschutz seitens der Bundeswehr wurde nicht zuletzt aufgrund der ausdauernden Initiative des NABU Schleswig-Holstein und seiner Landesstelle Ostseeschutz erreicht.
Nicht durchgesetzt werden konnten dagegen die Pläne zu einem Nationalpark Ostsee, die rückwärtsgewandten Interessen zum Opfer fielen und zu einem aus Sicht des Naturschutzes nicht sonderlich vielversprechenden „Aktionsplan“ zusammengestrichen wurden.
Neben diesen Großbaustellen legt der NABU Schleswig-Holstein weiterhin auch großen Wert auf die leiseren Töne und die praktische Naturschutzarbeit. In den knapp 60 Schutzgebieten leisten die zumeist ehrenamtlich aktiven Schutzgebietsreferent*innen hervorragende Arbeit, unterstützt durch die Landesgeschäftsstelle.
Im Rahmen des Projekts "Die limnischen Fünf" fanden viele Workshops zur Umweltbildung statt, um die spannende und gefährdete Lebenswelt der heimischen Gewässer kennenzulernen. - Foto _carsten Pusch
Generell zeichnet sich die Begleitung der Schutzgebietsbetreuung im Landesverband dadurch aus, dass Plattformen für Diskussion geschaffen werden. Bei Vorort-Terminen werden fachliche Vorschläge zur Optimierung von Naturschutzmaßnahmen vorgebracht und mit anderen Akteuren, den lokalen Behörden, dem Landesamt für Umwelt und häufig der Stiftung Naturschutz kritisch diskutiert. Punktuell bieten wir Fortbildungen an, wie z. B. im Rahmen eines Fachgesprächs zum Thema Grünlandmanagement im Dithmarscher Eidervorland, wo der NABU seit über 40 Jahren das NSG Grüne Insel betreut. Dort wurden Naturschützer*innen für die Bedeutung sensibilisiert, die die Flächen nicht nur für die Brutvögel, sondern auch für in Deutschland besonders seltene Käferarten besitzen.
Insgesamt ergibt sich im Jahr 2024 in den NABU-betreuten Schutzgebieten ein gemischtes Bild. Im hauptamtlich betreuten NSG Wattenmeer nördlich des Hindenburgdamms beispielsweise fiel der Bruterfolg der Vögel bescheiden aus – u. a. wegen eines Fuchsbaus auf der Insel Uthörn. Positiv hingegen war das Engagement der Wassersportler zu bewerten, die selbstständig mit einer Bojenkette eine Abgrenzung des Wassersportgebiets ermöglichten. Besonders erfreulich war auf Sylt der große Zuspruch bei naturkundlichen Führungen, insbesondere mit Schulklassen. Ausgestattet mit Keschern und Gummistiefeln erkundeten Kinder das Watt und lernten spielerisch den Wert dieses einzigartigen Lebensraums kennen.
Auch in den Außenstellen des NABU-Landesverbands war 2024 ein intensives Jahr. Die NABU Landesstelle Wasser mit Sitz in Plön hat das aus Mitteln der BINGO!-Umweltlotterie geförderte Projekt „Die Limnischen Fünf – Gefährdete Biodiversität in unseren Binnengewässern“ erfolgreich fortgesetzt. Eine RollUp-Ausstellung, zahlreiche begleitende Workshops, landesweite Exkursionen und Vorträge sind in diesem Bildungsvorhaben enthalten, um die interessierte Öffentlichkeit über die spezialisierte, aber gefährdete Lebenswelt der heimischen Gewässer
zu informieren. Mit dem BNUR wurde ein ganztägiges Seminar unter dem Titel „Geht Schleswig-Holstein das Wasser aus?“ angeboten. Bei der Umsetzung der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie und der Novellierung des Landeswassergesetzes brachte die Landesstelle ihre Expertise ein. Das Wasserjahr 2024 schloss mit dem Beitritt der Naturschutzverbände
zur „Allianz für Gewässerschutz“, womit der NABU als dialogbereiter Partner den Gesprächsansätzen eine Chance geben will.
Ähnliches gilt auch für die Landesstelle Ostseeschutz, wo der NABU im Rahmen der Nationalpark-Diskussion an vielen Stellen die Defizite im Meeresschutz ins Licht der Öffentlichkeit rücken konnte. Weiteres Thema waren die Munitionsaltlasten in der Ostsee: Bei einer durch die Landesstelle organisierten Veranstaltung mit relevanten Akteuren aus Schleswig-Holstein betonte der NABU erneut die Dringlichkeit einer raschen Bergung des gefährlichen Erbes aus den Weltkriegen.
Das Große Mausohr (hier im Jagdflug) ist eine äußerst seltene Fledermausart in Schleswig-Holstein. Große Freude löste daher im März 2024 der Fund von 15 Exemplaren in der Segeberger Kalkberghöhle - Foto: Dietmar Nill
In der Segeberger NABU-Landesstelle Fledermausschutz und -forschung weisen die Statistiken für 2024 auf ein hohes Arbeitspensum hin. Es gingen 600 Anfragen zu Fledermäusen und ihren Quartieren ein, woraus 98 Ortstermine an verschiedenen Quartierstandorten und 76 neue Gebäudequartiere im Lande resultierten. Im Sommer, insbesondere zur Jungenaufzuchtzeit, wurden Rekordzahlen an Anrufen über das bundesweite Fledermaus-Infotelefon abgearbeitet. Durch eine Initiative des NABU Reinfeld-Nordstormarn ist zudem 2024 eine ehrenamtliche Fledermaus-Hotline eigens für Schleswig-Holstein ins Leben gerufen worden, um Fundtiere noch schneller in die Fledermaus-Pflegegruppe zu vermitteln.
Abseits des allgemeinen Fledermausschutzes lag im Jahr 2024 ein Fokus auf dem Dauerprojekt A20. Hierbei wie auch bei der Gründung einer neuen lokalen Fledermaus-AG arbeiten die Landesstelle und der NABU Bad Segeberg Hand in Hand. Besonders erfreulich war der Fund von 15 Exemplaren des Großen Mausohres bei der Märzzählung in der Segeberger Kalkberghöhle – eine Rekordzahl dieser äußerst seltenen Fledermausart in Schleswig-Holstein.
Im NABU-Naturzentrum Katinger Watt startete ein verstärktes Team mit neuer Leitung durch. In neuer Besetzung wurden die Vorbereitungen für eine bauliche und inhaltliche Neuausrichtung des Naturzentrums aufgenommen. Hier wartet in den kommenden Jahren ein Großprojekt. Auf fachlicher Seite mündeten die stetigen Bemühungen, Brutflächen aufzuwerten, in dem großartigen Ergebnis, erstmals seit Jahrzehnten wieder brütende Trauerseeschwalben auf Naturnestern beobachten zu können. Auch beim Projekt der NABU-Kolleg*innen des Michael-Otto-Instituts, das den Bruterfolg von Kiebitz und Uferschnepfe innerhalb dauerhaft installierter Prädationsschutzzäune zum Ziel hat, wirkte der NABU SH bei der Feldarbeit im Katinger Watt mit.
Solche mit der Wasserpflanze Krebsschere bewachsenen Gräben in der Haseldorfer Marsch weisen eine hohe Biodiversität auf, wie Expert*innen des NABU feststellten. - Foto: Anja Feige
Am Standort in der Haseldorfer Marsch konnte der NABU mit neuem Personal bei der Betreuung des größten NABU-Schutzgebiets „Haseldorfer Binnenelbe mit Elbvorland“ und als Einsatzstelle für Freiwillige Fahrt aufnehmen. Aus ornithologischer Sicht war das Jahr dort ebenfalls durchwachsen. Zwar gab es viele Schilfbrüter im Gebiet, jedoch keinen Bruterfolg beim Seeadler und auch bei den wiesenbrütenden Vögeln konnten nicht viele Bruten nachgewiesen werden.
Grabenuntersuchungen brachten die Erkenntnis, dass in vielen Gräben des NSG hoher Artenreichtum herrscht. Durch gut geplante, abschnittsweise Grabenpflege wird dieser artenreiche Lebensraum in den nächsten Jahren gepflegt. Das Veranstaltungsprogramm wurde ausgebaut und wieder verstärkt beworben. Neben vielen Angeboten für Schulklassen und Kindergartengruppen war die besucherstärkste Führung mit rund 100 Teilnehmenden die Exkursion zum Leuchtturm Juelssand. Die Vernetzung mit den Akteur*innen vor Ort erfolgt engmaschig im Rahmen zahlreicher Runder Tische, AGs und Netzwerktreffen.
Viel Betrieb in der Verbandsbeteiligung: Weiterhin und wahrscheinlich mehr denn je ist es Aufgabe des NABU SH, zu gesetzlichen Vorhaben und Planungen kritisch und konstruktiv Stellung zu beziehen. Auf der Landesebene nahm der NABU seine Mitwirkungsrechte bei einer Vielzahl von Gesetzesvorhaben wahr: Zur Änderung des Landesplanungsgesetzes, zu Gesetzesentwürfen zur Beschleunigung von Planungs-und Genehmigungsverfahren im Infrastrukturbereich, zur Änderung des Energiewende- und Klimaschutzgesetzes SH, zur Änderung der Landesjagdzeitenverordnung, zur Teilfortschreibung der Windenergie an Land im LEP, zur Änderung des Landeswassergesetzes und dergleichen mehr.
Auch die über 40 ehrenamtlich Aktiven in diesem Bereich befassten sich mit zahlreichen Beteiligungsverfahren im ganzen Land. Wie im Vorjahr fielen die meisten in den Bereich der Bauleitplanungen und etwa jede siebte hatte die Errichtung von Photovoltaik-Freiflächenanlagen zum Inhalt. Deutlich zugenommen haben die Beteiligungen an den kommunalen Lärmschutzplanungen und Ausweisungen von Windenergie-Standorten. Hinzu kamen diverse Kiesabbauvorhaben, Leitungstrassen sowie wasserrechtliche Plangenehmigungsverfahren.
Die stetig steigende Zahl an Beteiligungen liegt inzwischen bei rund 1.500, was die Grenzen der Leistbarkeit für den Landesverband und insbesondere für die Ortsgruppen erahnen lässt. Mit deutlich mehr als 200 Stellungnahmen konnte dem Naturschutz aus NABU-Sicht dennoch eine starke Stimme verliehen werden.
Projektleiter Frank Steiner führt auf einer neu angelegten Streuobstwiese den Pflanzschnitt an einem Apfelbaum durch. - Foto: Eva Krautter
Im Rahmen des Streuobstwiesenprojekts des NABU Schleswig-Holstein wurden mit Unterstützung von BINGO! Die Umweltlotterie im Berichtsjahr 2024 insgesamt 514 Hochstammobstbäume und 22 Streuobstwiesen gefördert. Die Unterstützung großer, in späteren Jahren ökologisch wertvoller Streuobstwiesenanlagen steht im besonderen Fokus des Projekts. Vor diesem Hintergrund ist die Förderung der mit 150 Hochstammobstbäumen bislang größten Streuobstwiesenneuanlage in Dargow (Herzogtum Lauenburg) hervorzuheben. Der Eigentümer der Streuobstwiese hat mit der örtlichen Mosterei ein tragfähiges Pflegekonzept vereinbart, sodass eine nachhaltige, naturschutzfachlich stimmige Entwicklung dieser Fläche erwartbar ist.
Zum Ende des Jahres 2024 startete in Schleswig-Holstein das Pilotprojekt „Blaues Netz“, das vom NABU-Bundesverband unterstützt und in vielen Landesverbänden initiiert wurde. Kern des Projekts ist die punktuelle hauptamtliche Begleitung von Ortsgruppen, um etwa dort zu helfen, wo die Vorstandsnachfolge oder die Gewinnung von aktiven Mitgliedern ins Stocken gerät. Mit diesem Fokus auf unbürokratische Unterstützung in der Fläche, um im ganzen Land Energie und Motivation für den praktischen Naturschutz zu entfachen, ist der NABU Schleswig-Holstein ins Jahr 2025 gestartet. Wir wollen den Verband wetterfest machen für aufziehende Stürme und sehen den NABU in Schleswig-Holstein nicht zuletzt aufgrund einer wirtschaftlich soliden Grundlage gut aufgestellt.
