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Abschiede und Neuanfänge
Das Naturschutzgebiet ehemalige Baggergrube Basedow. Hier konnte der NABU SH die Behörden überzeugen, noch im Winter dringend notwendige Pflegemaßnahmen in einer Eichenallee vorzunehmen, um die dortige Insektenvielfalt zu erhalten. - Foto: Ingo Ludwichowski
Der NABU Schleswig-Holstein blickt auf ein arbeitsreiches Jahr 2023 zurück, das im Verband stark durch personelle Veränderungen geprägt war. Vorstand und Landesgeschäftsstelle hatten viele zusätzliche Aufgaben zu stemmen, nachdem der Landesvorsitzende Hermann Schultz Ende 2022 in den NABU-Ruhestand gewechselt hatte und der Posten ein gutes Jahr lang vakant blieb. Hinzu kamen der Abschied des langjährigen Geschäftsführers Ingo Ludwichowski und weitere Personalwechsel. Ein gelungener Höhepunkt war die Feier zum 75-jährigen Jubiläum des NABU Schleswig-Holstein im Herbst 2023. Zum Jahresende wurde dann mit Alexander Schwarzlose ein neuer Landesvorsitzender gefunden. Trotz aller internen Herausforderungen konnte der NABU Landesverband auch im Jahr 2023 seine ganze Kraft in die Naturschutzarbeit stecken und an vielen Stellen im Land Wirkung erzielen.
Einsatz in unseren Schutzgebieten
Kernstück der Verbandsarbeit – die zu einem erheblichen Teil von vielen ehrenamtlichen Aktiven in den 43 Ortsgruppen getragen und unterstützt wird – waren auch 2023 die Aktivitäten in den 59 vom NABU betreuten Naturschutzgebieten, FFH-Gebieten oder anderen geschützten Flächen. Ein Beispiel erfolgreicher Naturschutzarbeit bietet hier das Naturschutzgebiet (NSG) „Ehemalige Baggergrube östlich Basedow“ im Kreis Herzogtum Lauenburg: Vor 30 Jahren wurde in einer Eichenallee (Bild linke Seite), die das Gebiet auf einem Höhenrücken von Nord nach Süd quert, eine bemerkenswerte Insektenvielfalt festgestellt. Mit der Ausweisung zum NSG wurde der Wert dieses Gebiets anerkannt, geriet jedoch mehr und mehr in Vergessenheit. Durch
aufkommende Birken verschattete die Eichenallee zunehmend und drohte ihren Wert allmählich zu verlieren. Der NABU SH griff ein und überzeugte die Behörden, noch im Winter die dringend notwendigen Pflegemaßnahmen einzuleiten.
Die Eichenallee im Kreis Lauenburg steht exemplarisch für die Situation in vielen Naturschutzgebieten, in denen sich die Vernachlässigung notwendiger Naturschutzmaßnahmen negativ auf die Artenvielfalt auswirkt. Der NABU kann durch seine Expertise und Präsenz an vielen Orten auf mangelhafte Zustände aufmerksam machen und die richtigen Maßnahmen einfordern. Die schleppende Umsetzung zeigt jedoch ein schwerwiegendes strukturelles Defizit im behördlichen Naturschutz auf.
Planungen und Eingriffe
Neben dem Gebietsmanagement hat der NABU im Berichtsjahr 2023 wieder in zahlreichen Fällen die Möglichkeit wahrgenommen, zu Planungen und Eingriffsvorhaben Stellung zu nehmen. Auf Landesebene meldeten wir uns zu unterschiedlichen größeren Verfahren kritisch zu Wort, insbesondere zum Weiterbau der A20, der Neuaufstellung der Regionalpläne oder Stromleitungen.
In vielen weiteren Beteiligungsverfahren kann der NABU auf den Einsatz der Ehrenamtlichen im ganzen Land zählen. Über 40 Naturschützer*innen sind in diesem Arbeitsfeld aktiv und erhalten, wo nötig, die Unterstützung des Landesverbandes. Die Mehrzahl der Beteiligungsverfahren findet sich im Bereich der Bauleitplanungen, wobei etwa jede siebte die Errichtung von Photovoltaik-Freiflächenanlagen zum Gegenstand hatte. Weitere Beteiligungen, die meist in Form von Stellungnahmen erfolgen, gab es zu Kiesabbauvorhaben, Windpark-Planungen und wasserrechtlichen Verfahren. Als Einzelvorhaben sticht zudem die Bauleitplanung rund um die Ansiedlung der Batteriefabrik Northvolt in Heide hervor, wo sich der NABU mit sachlicher
Kritik einbringt.
Themenschwerpunkte der NABU Landesstellen
An den diversen NABU-Standorten konnten wir im Jahr 2023 weiter an unseren Themenschwerpunkten arbeiten. Die Landesstelle Ostseeschutz in Person von Dagmar Struß etwa hat sich in die Diskussion um einen Nationalpark ganz aktiv eingebracht. Im Rahmen der Taskforce Ostseeschutz wurden zahlreiche Vorträge zu einer breiten Themenpalette gehalten. Ein weiterer Schwerpunkt der Landesstelle lag im Thema Munitionsaltlasten im Meer – von der Finanzierung der Bergung über die Diskussion der naturverträglichen Umsetzung bis hin zu einer
Infokampagne gemeinsam mit den Kooperationspartner*innen aus Ministerium, Wissenschaft und Wirtschaft.
Mit seiner Landesstelle Fledermausschutz und -forschung unter der Leitung von Stefan Lüders kümmerte sich der NABU Schleswig-Holstein mit einem Kunsthöhlenprojekt um den Großen Abendsegler Nyctalus noctula. Diese Art benötigt in vielen Wäldern, die von den Fledermausschützern*innen des NABU betreut werden, geeignete große Fledermaushöhlen. Leider gibt es noch immer zu wenig alte Höhlenbäume in den meist intensiv genutzten Wäldern. Hinzu kommen jedes Jahr Verluste durch Windenergieanlagen (WEA), an denen die Tiere tödlich verunglücken. Mit dem gezielten Einsatz spezieller Holzbetonkästen wird dem Großen Abendsegler geholfen, im Sommer seine Jungen zur Welt zu bringen und im Winter dort frostsicher die insektenarme Zeit zu überdauern.
Kanutouren wie hier auf der Schwentinte gehören zu den Aktivitäten im Bereich der Umweltbildung der NABU Landesstelle Wasser. - Foto: privat
In der NABU Landesstelle Wasser in Plön (Leitung: Carsten Pusch) wurde eine Projektstelle mit der Gewässerökologin Sonja Sporn neu besetzt, die das aus Mitteln der BINGO-Umweltlotterie geförderte Projekt „Die limnischen Fünf – gefährdete Biodiversität in unseren Binnengewässern“ umsetzt. Mit diesem Vorhaben wird auf die vielfach unbekannte, gefährdete Artenvielfalt in unseren Bächen, Flüssen und Seen und ihre Gefährdungen wie u.a. Nährstoffbelastung oder Gewässerausbau hingewiesen. Im Bereich der Umweltbildung wurde eine
Vielzahl an Veranstaltungen für alle Zielgruppen und Altersstufen durchgeführt, vom Keschern mit Kita- und Grundschulkindern über Seenbefahrungen für auswärtige Gruppen bis zu Kanutouren. Neben der regelmäßigen Facharbeit in Arbeitskreisen zur landeweiten Umsetzung der Europäischen Wasserrahmenrichtline (WRRL) ist die Planung einer Seminarveranstaltung zum Thema „Wird im Wasserland Schleswig-Holstein das Wasser knapp? Unsere Gewässer im Angesicht des Klimawandels“ zu nennen, die gemeinsam mit dem BNUR in Flintbek im laufenden Jahr ausgerichtet wurde.
Von seinem Standort in der Haseldorfer Marsch aus betreut der NABU das dortige NSG, das als traditionelles Rastgebiet eine große Bedeutung für den internationalen Vogelzug einnimmt. Die Schutzgebietsbetreuung umfasst regelmäßiges Monitoring von Rast- und Brutvögeln, Beweidung und Mahd sowie die Regulierung der Wasserstände im hinterdeichs gelegenen tidenunabhängigen Bereich. Der NABU-Standort in Haseldorf fungiert darüber hinaus als Zentrum für die Ausbildung von Multiplikator*innen für den Naturschutz. Fünf junge Menschen verbrachten im Rahmen von FÖJ und BFD ein Jahr beim NABU im Elbmarschenhaus in Haseldorf und lernten die dortige vielseitige Naturschutzarbeit kennen. Nikola Vagt hat nach dem Tod des langjährigen Kollegen Uwe Helbing, der das NSG drei Jahrzehnte lang betreut hat, die Leitung des Standorts übernommen. Im März des Jahres 2024 kam Schutzgebietsbetreuerin
Anja Feige hinzu.
Als Wiesenbrüter sind Kiebitze stark von Prädatoren wie Fuchs oder Marderhund bedroht. Ein Gelegeschutzzaun ermöglicht nun wieder Kiebitzbruten im Katinger Watt. - Foto _jan Piecha
Im NABU Naturzentrum Katinger Watt gab es Licht und Schatten im umliegenden Schutzgebiet. In der Seevogelkolonie am Eidersperrwerk grassierte im zurückliegenden Jahr 2023 das H A5-Virus („Vogelgrippe“). In nur einem Monat, zwischen Mitte Juni und Mitte Juli, mussten 2.734 verendete Vögel aus der Kolonie abgesammelt werden. Es traf dabei vor allem die diesjährigen Lachmöwen, d. h. die Küken, die nur wenige Tage zuvor aus dem Ei geschlüpft waren. Die schnelle und gute Zusammenarbeit zwischen den Behörden und engagierten Naturschützer*innen konnte dabei vermutlich noch Schlimmeres verhindern. Die Koordination oblag dem damaligen Leiter des NABU Naturzentrums, Till Holsten.
Weitaus erfreulicher waren die ersten Ergebnisse aus der Arbeit mit einem Ende 2022 installierten, etwa 80 ha großen Gelegeschutzzaun gegen Prädation von Vogelbruten. Der fest installierte Zaun ist der erste dieser Art in der Eidermündung und der größte in Schleswig-Holstein und brachte entsprechend großen Aufwand für das NABU-Team im Katinger Watt mit sich. Der überwältigende Effekt des Schutzzaunes entlohnte jedoch für die Arbeit. Der Schlupferfolg bei den im Zaun brütenden Kiebitzen wurde mit Kiebitzbruten außerhalb des Zaunes verglichen – mit eindeutigem Ergebnis: Die Schlupfwahrscheinlichkeit lag im Zaun bei 74 Prozent und außerhalb des Zaunes bei gerade mal 2 Prozent. Die Untersuchungen zum Effekt des Gelegeschutzzaunes werden im laufenden Jahr fortgeführt.
Im Rahmen eines weiteren aus BINGO-Mitteln mitfinanzierten Projekts widmete sich der NABU Landesverband auch im Jahr 2023 Schleswig-Holsteins Streuobstwiesen – mit ihrem Artenreichtum gelten sie als wahre Hotspots der Biodiversität. Im Berichtsjahr wurde mit 1.624 Hochstammobstbäumen auf 80 Streuobstwiesen das zweitstärkste Ergebnis in der Historie dieses etablierten NABU-Arbeitsfeldes erzielt. Unter der Projektleitung von Frank Steiner wurden 69 neue Streuobstwiesen angelegt und 11 Ergänzungspflanzungen auf bereits
geförderten Streuobstwiesen vorgenommen. Das mediale Interesse an dem Thema war auch im vergangenen Jahr hoch. So sendete der NDR beispielsweise ein Sonderprogramm am Tag der Streuobstwiese. Diese Berichterstattungen führten zu einer enormen Fördernachfrage, weshalb uns auch im laufenden Jahr die Arbeit auf den Streuobstwiesen nicht ausgeht.
