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Winterstörche in Schleswig-Holstein: Einige fliegen nicht mehr weit, manche bleiben den ganzen Winter hier
Winterstörche - Foto: Birgit Lustig
Seit einigen Jahren schon ändert sich das Zugverhalten der Störche. Immer mehr der so genannten Westzieher, die bisher über die Meerenge bei Gibraltar nach Westafrika ins Winterquartier gezogen sind, bleiben in Südfrankreich oder Spanien, wo sie auf offenen Mülldeponien ausreichend Nahrung finden. Denn nicht die Kälte – ein so großer Vogel wie der Storch kann Wärme wesentlich besser speichern als kleine Singvögel und sogar Temperaturen bis minus 20 Grad vertragen – sondern die Nahrungsknappheit im Winter ist der eigentliche Grund, das Weite zu suchen. Bedingt durch den Klimawandel gibt es allerdings auch im nördlichsten Bundesland meist überwiegend milde Winter und nur kurzzeitig eine geschlossene Schneedecke.
Flieg ich, flieg ich nicht?
„Unsere Störche ziehen teilweise nur noch bis Belgien, in die Niederlande oder in südlichere Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen oder Hessen und kehren vereinzelt bereits im Januar wieder zurück“, weiß Storchenexperte Jörg Heyna. So meldeten Mitte Januar die Weißstorch-Betreuer*innen aus Bergenhusen, Schwabstedt und Eggebek „1 Storch angekommen“. „Da wir einige Jungvögel beringen, haben wir durch gemeldete Ablesungen der Ringnummern recht gute Informationen, wo sich die Vögel aufhalten.“ Warum manche Störche aber gar nicht erst losfliegen, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen. „Möglicherweise fühlen sie sich nicht fit genug für die anstrengende Reise, oder es wartet einer auf den anderen, wann der denn endlich losfliegt, und verpasst am Ende den Abflug ganz.“ Eine gut gemeinte, aber wegen des Eingriffs in natürliche Abläufe unerwünschte Zufütterung tut manchmal ihr übriges. Allerdings ist die Zahl der Daheimgebliebenen in Schleswig-Holstein mit jährlich etwa 15 Vögeln noch recht übersichtlich.
Regelrecht heimatverbunden ist etwa ein schon 22 Jahre altes Storchenweibchen in Kellinghusen, das immer zuhause überwintert. „Dort ist die Stör in der Nähe, es gibt überflutete Wiesen und dadurch ein gutes Nahrungsangebot“, so Jörg Heyna. Auch mit einem Tierpark oder einer Landwirtschaft in der Nähe, vielleicht noch mit einem offenen Nisthaufen, stehen die Chancen gut für Mäuse oder Regenwürmer. Zudem sind Störche Nahrungsopportunisten, sie fressen also das, was aktuell im Angebot ist. Und dabei gehen sie gewieft zu Werke, wie Storchenbetreuer Jörg Heyna erzählt: „Friert es nicht zu stark, gibt es weiterhin frisch aufgeworfene Maulwurfshügel. So stehen die Störche sehr lange auf gefrorenem Feld – aufgeplustert und auf einem Bein – und warten, bis sich die Erde bewegt und sie den Maulwurf schnappen können.“ Er konnte sogar beobachten, wie ein Storch mit seiner Beute zu einem Bach oder eine Pfütze gegangen ist und vor dem Verzehr Erde und Sand abgespült hat.
Mit Köpfchen gegen die Kälte
Energie sparen ist ein weiterer Trick bei Kälte. Bewegt sich ein Storch wenig und bleibt aufgeplustert und auf einem Bein stehend in Ruhehaltung, kann er mit einem Maulwurf für ein bis zwei Tage auskommen. Doch wenn der Winter doch mit Schnee und Eis vorbeischaut? „Störche stellen sich manchmal einfach in einen Bach, denn das Wasser ist immer noch wärmer als Schnee und Fließgewässer friert nicht so schnell zu“, berichtet Jörg Heyna. Zudem sind sie erfinderisch bei der Suche nach einem warmen Plätzchen: „Das kann eine Straßenlaterne sein, ein Hausdach mit Kamin oder, wenn die Sonne scheint, das erwärmte Metall von einer Feuersirene.“ In einem sehr harten Winter ziehen Störche in einer so genannten „Winterflucht“ regional etwas weiter südlich, etwa nach Niedersachsen oder Holland.
Um das geänderte Zugverhalten besser erforschen zu können, ruft der NABU jährlich dazu auf, Beobachtungen von Winterstörchen durch einen Eintrag auf der NABU-Naturgucker-Seite zu melden.
Aktuell sind die NABU-Aktiven in der Arbeitsgruppe Storchenschutz intensiv mit der Vorbereitung auf die Brutsaison beschäftigt: Die vorhandenen Nester werden gepflegt und instandgesetzt sowie neue Nisthilfen aufgestellt. So baute Anna Petersen, Gebietsbetreuerin in Südtondern/Nordfriesland, mit einem Helferteam 18 Reisigringe als Grundlage für ein Storchennest gebaut.
Nötig ist dieser Neubau an Nisthilfen nicht zuletzt durch den in den vergangenen Jahren erfreulich angestiegenen Bruterfolg: So wurden im Jahr 2025 von 583 Nestpaaren (auch Horstpaare genannt) 451 Paare mit Bruterfolg gezählt, die insgesamt 951 aus eigener Kraft ausgeflogene Jungstorche aufgezogen haben. Das sind so viele wie zuletzt in den 1970er Jahren, auf die ein langanhaltender Niedergang folgte. Seit 2010 erholte sich der Bestand jedoch stetig.
Viele Daten, Fakten und Zahlen zu den Weißstörchen in Schleswig-Holstein sind auf der Webseite "Störche im Norden" gesammelt, unter anderem tagesaktuelle Neuigkeiten von den Nest-Standorten.
EK 20.01.2026
