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Jetzt Mitglied werden!„Naturschutz und Verteidigung stehen nicht gegeneinander“
NABU Schleswig-Holstein und NABU Hamburg im Dialog mit dem Bundeswehr-Thinktank GIDS
Moore sind Hotspots der Biodiversität und bedeutende CO₂-Speicher. Sie wirken aus Perspektive der Verteidigungsfähigkeit auch als natürliche Barrieren. - Foto: Thomas Behrends
Angesichts der verschärften sicherheitspolitischen Lage in Europa und der fortschreitenden Klima- und Biodiversitätskrise sprechen sich der NABU und das German Institute for Defence and Strategic Studies (GIDS) dafür aus, Umwelt- und Sicherheitspolitik stärker zusammenzudenken. Dazu haben die NABU-Landesvorsitzenden aus Hamburg und Schleswig-Holstein und das GIDS, dem an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg angesiedelten ThinkTank der Bundeswehr, ein Diskussionspapier rund um Fragen von „Sustainable Defence“ verfasst. Das heute veröffentlichte Impulspapier „Mehr Wildnis wagen – mehr Sicherheit gewinnen“ der NABU-Landesverbände Hamburg und Schleswig-Holstein sowie des GIDS (der SPIEGEL berichtete vorab) wirbt für einen engeren Austausch und Dialog mit der Bundeswehr und für konkrete Ansätze einer integrierten Sicherheitsstrategie.
„Wir erleben eine doppelte Zeitenwende: sicherheitspolitisch und ökologisch. Wer heute Sicherheit denkt, muss Natur mitdenken. Alles andere greift zu kurz“, sagt Malte Siegert, Landesvorsitzender des NABU Hamburg. „Naturschutz ist kein Luxus, sondern Grundlage unserer gemeinsamen Sicherheit.“
Im Zentrum des Impulspapiers steht die Renaturierung von Mooren und Feuchtgebieten. Sie sind Hotspots der Biodiversität und bedeutende CO₂-Speicher. Sie wirken aus Perspektive der Verteidigungsfähigkeit auch als natürliche Barrieren, verlangsamen militärische Bewegungen und erhöhen die Resilienz von Landschaften, wie im Krieg in der Ukraine deutlich geworden ist. „Moore sind dreifach wertvoll: Sie schützen Klima, Artenvielfalt und im Ernstfall auch unsere Sicherheit in Deutschland und Europa“, betont Alexander Schwarzlose, Landesvorsitzender des NABU Schleswig-Holstein. Ähnliche Ansätze gibt es bereits in anderen NATO-Staaten: In Finnland, Polen und den baltischen Staaten werden Moore gezielt als natürliche Verteidigungsstrukturen wiederhergestellt und zugleich als Klimaschutzmaßnahme genutzt.
Gleichzeitig wächst durch neue militärische Infrastrukturen wie Unterkünfte, Übungsplätze, technische Anlagen oder Verkehrswege der Druck auf Flächen und Natur. „Mehr Investition in militärische Infrastruktur und Sicherheit darf nicht automatisch mehr Flächenverbrauch bedeuten. Deshalb braucht es den Dialog mit der Bundeswehr, um naturverträgliche Planungen und Alternativen zu entwickeln“, betont Siegert.
Den beiden NABU-Landesvorsitzenden Alexander Schwarzlose und Malte Siegert geht es dabei darum, im gegenseitigem Dialog Brücken bauen, anstatt vorhandene Gräben zu vertiefen. „Umweltschutz und Verteidigung werden in der öffentlichen Debatte oftmals als unvereinbare Gegensätze diskutiert, aber Kriege, Biodiversitätskrise, Klimakrise – sie alle bedrohen unsere Lebensgrundlagen massiv“, so Alexander Schwarzlose. Im Papier werden bewusst Synergien beleuchtet, die beide drängenden Herausforderungen adressieren.
Ihren gemeinsamen Impuls verstehen das GIDS und die beiden NABU-Landesverbände ausdrücklich als gesamtgesellschaftlichen Ansatz. „Bei Zukunftsfragen wie Sicherheit, Umwelt und Infrastruktur ist es folgerichtig, gemeinsam Lösungen zu entwickeln.“
Die beiden NABU-Landesverbände und GIDS sehen das Impulspapier als Beitrag zu einer sachlichen gesellschaftlichen Debatte. „Wir brauchen wieder ernsthafte Auseinandersetzungen mit komplexen Fragen. Naturschutz und Fragen der Verteidigung stehen nicht nebeneinander oder gegeneinander, sondern übernehmen gemeinsam Verantwortung für die Resilienz und Zukunft unseres Landes.“
„Kein Plädoyer für Aufrüstung“
„Damit verbunden ist kein Plädoyer für Aufrüstung und auch keine Kooperation mit der Bundeswehr“, stellt Malte Siegert klar. Vielmehr betone das Papier die Notwendigkeit der Friedenssicherung als wichtigen Faktor für Wirtschaft, Wohlstand und Natur. Naturschutz und Verteidigung stehen nicht gegeneinander, sondern übernehmen gemeinsam Verantwortung für die Resilienz und Zukunft unseres Landes. Daran knüpft sich die Forderung an, unsere „natürliche Infrastruktur“ als überragendes öffentliches Interesse zu verstehen und entsprechend in deren Erhalt und Wiederherstellung zu investieren.
Das Diskussionspapier umfasst unter anderem Fragestellungen zu:
- Wiederherstellung von Mooren und Wäldern als natürliche Verteidigungsbarrieren und Klimasenken
- Verringerung der fossilen Abhängigkeit der Bundeswehr
- Weiterentwicklung von Kasernen mit modernen Bau- und Energiekonzepten
- Sicherheit als Standortfaktor
Das gemeinsame Impulspapier von NABU Hamburg, NABU Schleswig-Holstein und dem GIDS steht hier in einer Kurz- und einer Langfassung zum Download bereit.
Impulspapier "Mehr Wildnis wagen - mehr Sicherheit gewinnen"
Mehr zum Thema Moore und Verteidigung (Greifswald Moor Centrum, 2025).
31.03.2026
Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema
Warum bringt sich der NABU jetzt in sicherheitspolitische Debatten ein?
Die sicherheitspolitische Lage in Europa hat sich seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine grundlegend verändert. Hinzu kommen weitere geopolitische Spannungen sowie der Iran-Krieg. Gleichzeitig verschärfen sich Klima- und Biodiversitätskrise. Alle drei Entwicklungen - Kriege, Klimawandel und Artensterben - bedrohen unsere Lebensgrundlagen. Deshalb setzt sich der NABU dafür ein, diese Herausforderungen gemeinsam zu denken, anstatt gegeneinander auszuspielen.
Warum stehen der NABU und das GIDS im Austausch?
Weil Sicherheit heute mehr bedeutet als militärische Stärke. Resilienz, Versorgungssicherheit und funktionierende Ökosysteme sind zentrale Faktoren für Verteidigungsfähigkeit. m Dialog können Lösungen entstehen, die ökologisch sinnvoll und sicherheitspolitisch relevant zugleich sind.
Gleichzeitig ist die Bundeswehr eine Armee der Gesellschaft: Sie verteidigt das Land und damit die Lebensgrundlagen aller Bürgerinnen und Bürger. In diesem Sinne ist sie auch ein wichtiger Akteur der Zivilgesellschaft. Eine Zusammenarbeit mit gesellschaftlichen Akteuren wie dem NABU ist daher folgerichtig, gerade wenn es um Zukunftsfragen geht, die Sicherheit, Umwelt und Infrastruktur gleichermaßen betreffen.
Durch neue militärische Infrastruktur (Standorte, Übungsplätze, Ertüchtigung von Straßen) wird der Druck durch Flächenkonkurrenz und -versiegelung auf die Natur weiter zunehmen. Hier gilt es, im Dialog mit der Bundeswehr naturverträgliche Planungen und Alternativen zu sondieren.
Was ist die zentrale Idee hinter Ihrem Ansatz?
Der NABU schlägt vor, Sicherheit neu zu denken: Natürliche Systeme werden als Teil der Sicherheitsinfrastruktur Deutschlands und Europa verstanden, so sieht es auch die NATO-Sicherheitsstrategie vor. Die baltischen Länder und Polen arbeiten bereits mit Renaturierung als Teil der Verteidigungsstrategie. Grundlage für den Ansatz ist die Rolle, die insbesondere Moore bei der Verteidigung der Ukraine und speziell Kiew als natürliche Barrieren gegen den russischen Vormarsch geleistet haben.
Konkret bedeutet das:
- Landschaften können Schutzfunktionen übernehmen
- Energieversorgung kann resilienter organisiert werden, um Abhängigkeiten zu verringern
- Militärische Infrastruktur kann ökologisch aufgewertet werden
Wie können Moore konkret zur Verteidigung beitragen?
Wiedervernässte Moore und Feuchtgebiete wirken wie natürliche Barrieren, siehe das ukrainische Beispiel:
- Sie sind für schwere Fahrzeuge wie Panzer und Truppentransporter kaum passierbar
- Sie verlangsamen militärische Bewegungen
- Sie verkleinern potenzielle Angriffsräume
Das gibt Verteidigern entscheidende Zeit und Planbarkeit. Gleichzeitig sind Moore:
- Hotspots der Biodiversität
- enorme CO₂-Speicher
- natürliche Wasserspeicher gegen Hochwasser und Dürre
Ist das nicht eine Militarisierung des Naturschutzes?
Nein. Renaturierung bleibt eine zivile Maßnahme. Neu ist lediglich die zusätzliche Perspektive: Intakte Natur erhöht auch die gesellschaftliche Resilienz und Verteidigungsfähigkeit. Der NABU nutzt keine militärische Logik für Naturschutz – sondern zeigt, dass Naturschutz ohnehin sicherheitsrelevant ist.
Warum ist das Thema gerade jetzt so dringlich?
Weil sich mehrere Krisen gleichzeitig zuspitzen:
- Neue sicherheitspolitische Bedrohungslage in Europa durch Russland und Iran
- Fortschreitender Klimawandel (deutlich über 1,5 °C hinaus)
- Dramatischer Verlust von Biodiversität weltweit
Diese Entwicklungen verstärken sich gegenseitig. Deshalb braucht es integrierte, gesamtheitliche Lösungen.
Welche Rolle spielt Energieversorgung für die Verteidigung?
Eine oft unterschätzte. Moderne Streitkräfte sind massiv abhängig von fossilen Brennstoffen.
Diese Abhängigkeit ist ein strategisches Risiko:
- Importabhängigkeit von Drittstaaten
- anfällige Versorgungsstrukturen (Irans Angriffe auf die Golfstaaten und die Blockade der Straße von Hormuz zeigen dies überdeutlich)
- hoher logistischer Aufwand
Mehr erneuerbare, dezentrale Energie bedeutet:
- höhere Einsatzfähigkeit
- mehr Unabhängigkeit
- geringere Verwundbarkeit
Gleichzeitig ist das ein zentraler Beitrag zum Klimaschutz.
Was fordert der NABU konkret für die Bundeswehr?
Vor allem drei Dinge:
- Renaturierung von Mooren und Feuchtgebieten sowie Wäldern als Teil von Resilienzstrategien
- Reduktion fossiler Abhängigkeiten durch erneuerbare Energien
- Multifunktionale Kasernenstandorte, die:
- Energie selbst erzeugen
- klimaangepasst gestaltet sind
- Lebensräume für Arten bieten
Was bedeutet ‚multifunktionale Kasernen‘ konkret?
Kasernen können gleichzeitig:
- militärische Standorte
- Energieproduzenten (z. B. Solarenergie)
- klimaresiliente Räume
- Rückzugsorte für Biodiversität
sein.
Beispiele:
- Photovoltaik reduziert Abhängigkeit von externer Versorgung
- Begrünung kühlt das Gelände und verbessert Arbeitsbedingungen
- insektenfreundliche Flächen schaffen Lebensräume
Ergebnis: mehr Einsatzfähigkeit und mehr Naturschutz
Geht es dem NABU auch um neue Möglichkeiten, Naturschutzmaßnahmen zu finanzieren, z.B. durch das Sondervermögen?
Es geht nicht primär um neue Mittel, sondern um effizientere Nutzung bestehender Investitionen. Wenn Verteidigungsausgaben gleichzeitig:
- Klima schützen
- Biodiversität fördern
- Infrastruktur resilienter machen
entsteht ein klarer Mehrwert für die Gesellschaft.
Sind solche Maßnahmen militärisch überhaupt relevant oder eher symbolisch?
Sie sind konkret wirksam:
- Gelände beeinflusst militärische Bewegungen entscheidend
- Energieversorgung ist zentral für Einsatzfähigkeit
- Infrastrukturresilienz ist ein Kern moderner Verteidigungsstrategien
Das sind keine symbolischen Maßnahmen, sondern operative Faktoren im Einklang mit der NATO-Strategie.
Wie reagiert der NABU auf Kritik aus der Umweltbewegung?
Der NABU betont klar:
- Naturschutz bleibt Kernauftrag
- keine Unterstützung von Aufrüstung im engeren Sinne
- Fokus auf präventive, naturbasierte Lösungen zur Verteidigung
Ziel ist es, Brücken zu bauen statt Gräben zu vertiefen.
Was ist die zentrale Botschaft des NABU an Politik und Öffentlichkeit mit dem Papier?
Sicherheit, Klima und Natur gehören untrennbar zusammen.
- „Ohne intakte Natur gibt es keine langfristige Sicherheit.“
- „Renaturierung ist Teil der Sicherheitsstrategie des 21. Jahrhunderts.“
Sind Moore und Renaturierung überhaupt noch militärisch relevant – angesichts des massiven Einsatzes von Drohnen, etwa im Krieg in der Ukraine?
Drohnen verändern die Kriegsführung deutlich, sie ersetzen aber nicht die Bedeutung von Gelände. Auch im aktuellen Kriegsgeschehen zeigt sich: Kontrolle über Raum entsteht weiterhin am Boden.
Renaturierte Moore und Feuchtgebiete bleiben deshalb relevant, weil sie:
- Bewegungen von Fahrzeugen und Truppen massiv einschränken
- Nachschub und Logistik verlangsamen
- Angriffsrouten kanalisieren und berechenbarer machen
Drohnen können zwar aufklären und angreifen, sie können aber kein Gelände besetzen oder sichern. Gleichzeitig stimmt: Renaturierung allein ist keine Antwort auf Drohnenkrieg und asymmetrische Kriegsführung. Deshalb denkt der NABU das Thema ja auch breiter:
- Strukturreiche Landschaften (z. B. Wälder, Hecken, Feuchtgebiete) können
- Tarnung verbessern
- Sichtachsen unterbrechen
- die Zielerfassung erschweren
- Intakte Ökosysteme erhöhen insgesamt die Resilienz von Infrastruktur und Versorgung, ein entscheidender Faktor auch im Zeitalter von Drohnen.
Elektrische Panzer – ist das ernst gemeint oder eher Symbolpolitik?
Vollständig elektrische Kampfpanzer sind derzeit tatsächlich keine kurzfristig realistische Lösung für die Bundeswehr oder andere Armeen. Die Anforderungen im Gefecht, Reichweite, Leistung, Gewicht sind extrem hoch.
In dem Ideenpapier ist von der Reduktion fossiler Abhängigkeiten der Bundeswehr insgesamt die Rede, nicht von einem schnellen Umstieg auf „E-Panzer“. Der entscheidende Punkt ist also ein andere:
- Moderne Streitkräfte sind hochgradig abhängig von Treibstoff fossiler Natur
- Diese Abhängigkeit ist ein strategisches Risiko
- Versorgungslinien sind verwundbar (Angriffe, Sabotage, Blockade wie in Hormuz)
- Logistik bindet enorme militärische Ressourcen
Jede Reduktion dieses Bedarfs erhöht die Einsatzfähigkeit.
Realistische Ansätze statt „E-Panzer“:
- Hybridantriebe (geringerer Verbrauch, leiser Betrieb)
- Elektrifizierung von unterstützender Infrastruktur
(Fahrzeuge, Generatoren, Drohnenabwehrsysteme etc.) - Erneuerbare Energie vor Ort (z.B. in Kasernen)
- Dezentrale Energiesysteme statt großer, anfälliger Depots
Militärischer Mehrwert
- Weniger Nachschub nötig → geringere Verwundbarkeit
- Leisere Systeme → taktische Vorteile
- Mehr Autarkie → höhere Durchhaltefähigkeit
Ökologischer Zusatznutzen
- Weniger Emissionen
- Beitrag zur Energiewende
- geringere Abhängigkeit von fossilen Importen
