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Der Fehmarnbelt - Flaschenhals für Zugvögel
Der Fehmarnbelt - Flaschenhals für Zugvögel
Engpass im europäischen Vogelzug
Eiderenten nutzen den Fehmarnbelt als Zugtrasse
Zugvogelschutz - nicht nur im Süden notwendig
Beim Thema "Zugvogelschutz" denken die meisten zuerst an den Vogelfang in Italien oder Malta, wo die direkte Verfolgung von Greifvögeln oder Singvögeln zum Teil traurige Berühmtheit erlangt hat. Doch auch Schleswig-Holstein gehört immer noch zu den partiell rückständigen Gegenden Europas, wo der Schutz ziehender Vögel - obwohl rechtlich verbindlich vorgeschrieben - immer noch zu wenig Beachtung erhält.
Beispiele sind die wieder ermöglichte Jagd auf Nonnengänse, die nichts anderes ist als der Vogelfang in Südeuropa, oder die großräumige Eindeichung im Wattenmeer, durch die den Zugvögeln Rast- und Nahrungsgebiete genommen werden und aktuell die geplanten Windkraftanlagen auf und bei Fehmarn.
Die Vogelfluglinie, heute mehr ein touristischer Begriff, für die kürzeste Verbindung von Deutschland nach Ostdänemark und Schweden, steht für einen der eindrucksvollsten Konzentrationspunkte des Vogelzuges in Europa. In Falsterbo, dem südwestlichsten Zipfel Schwedens, werden alljährlich die abziehenden skandinavischen Brutvögel gezählt: 1,5-3 Millionen tags ziehende Singvögel, Tauben und Greifvögel nutzen diese Zugroute über Sjæland, Låland und Fehmarn nach Ostholstein, an Spitzentagen sind es Hunderttausende ziehender Vögel. Dazu kommen ähnlich viele Seetaucher, Meeresgänse, Meeresenten, Watvögel oder Seeschwalben, die durch die südliche Ostsee, dann durch den Fehmarnbelt zum Wattenmeer und zur Nordsee ziehen. Der größte Teil des Zuges findet nachts statt. Schätzungen, die auf den Brutbeständen der Herkunftsländer basieren, reichen daher bis zu einer Größenordnung von 500 Millionen Vögeln, die alljährlich im Herbst Südschweden verlassen, zumeist mit Kurs Südwest. Ein Großteil dürfte somit auch die Insel Fehmarn berühren - und das zweimal pro Jahr, denn im Frühjahr ziehen die Vögel auf nahezu derselben Route wieder in ihre Brutgebiete.
| Auf Fehmarn im Herbst 2004 erfasste Greifvögel | |
|---|---|
| Wespenbussard | 7.954 |
| Fischadler | 143 |
| Rohrweihe | 238 |
| Kornweihe | 14 |
| Wiesenweihe | 0 |
| Seeadler | 10 |
| Schwarzmilan | 2 |
| Rotmilan | 67 |
| Sperber | 1.194 |
| Habicht | 6 |
| Mäusebussard | 370 |
| Rauhfußbussard | 10 |
| Turmfalke | 53 |
| Baumfalke | 8 |
| Wanderfalke | 26 |
| Merlin | 32 |
Rotdrossel - Wintergast aus Skandinavien
Kein ausreichender Schutz
Man sollte meinen, solche Regionen müssten "automatisch" als Schutzgebiete sicher gestellt werden. Tatsächlich sieht es bisher folgendermaßen aus: Die meisten "Hotspots" des Vogelzuges der südwestlichen Ostsee sind in Dänemark und Schweden als IBA, also Important Bird Area, gemeldet. Grundlage für Meldung und Anerkennung sind langjährige Zählergebnisse, wie sie von Falsterbo seit den 1940er Jahren vorliegen, ähnlich vollständig auch von Stigsnæs oder Südlangeland.
Diese zahlenmäßig internationale Bedeutung hat nicht nur Falsterbo, sondern auch das südliche Ende der Vogelfluglinie, die Insel Fehmarn. Seit den 1950er Jahren versuchen Ornithologen Schleswig-Holsteins, den Vogelzug auf der Insel Fehmarn zahlenmäßig zu erfassen und darzustellen, was sehr schwer ist.
| Vergleich Fehmarn - Falsterbo (Tagesmaxima 1974 - 2004) | ||
|---|---|---|
| Art | Fehmarn | Falsterbo |
| Nonnengans | 42.000 | 22.400 |
| Ringelgans | 10.710 | 6.534 |
| Pfeifente | 3.600 | 5.920 |
| Eiderente | 158.000 | 33.635 |
| Wespenbussard | 3.413 | 2.240 |
| Rohrweihe | 110 | 162 |
| Fischadler | 25 | 41 |
| Brandseeschwalbe | 144 | 31 |
| Flussseeschwalbe | 270 | 330 |
| Uferschwalbe | 5.500 | 202 |
| Rauchschwalbe | 1.600 | 12.175 |
| Wiesenpieper | 2.730 | 1.881 |
| Bergfink | 23.065 | wird artlich nicht vom Buchfink getrennt |
| Zeisig | 6.580 | 10.790 |
| Gimpel | 803 | 211 |
Rauchschwalbe
Schwierigkeiten bereiten vor allem die topografischen Eigenheiten der Insel. Im Vergleich mit Falsterbo, einer nur wenige hundert Meter breiten Halbinsel ist die Nordküste Fehmarns 15 km breit. Unter bestimmten Witterungsbedingungen ziehen Vögel von Låland auf ganzer Breite ab - spätestens dann werden auf Fehmarn mindestens zehn Vogelzähler benötigt, um zu vergleichbaren Zahlen zu kommen. Bei südöstlichen Winden erscheinen Zugvögeln nicht nur von Låland aus auf Fehmarn, Schwalben und andere Singvögel fliegen zusätzlich von Langeland her die Westküste Fehmarns an, während Greifvögel über dem Fehmarnbelt soweit verdriftet werden können, dass sie Fehmarn gar nicht berühren, sondern über die Ostsee direkt auf die Hohwachter Bucht zufliegen. Dennoch hat es in den letzten Jahren deutliche Fortschritte in Vollständigkeit der Erfassung gegeben. Für einige Vogelarten liegen inzwischen sehr eindrucksvolle Zahlen vor, die denen von anderen Konzentrationsräumen entlang der südlichen Ostseeküste nicht nachstehen.
| Exkurs: IBA Fehmarnbelt | |
|---|---|
|
Engpässe des Vogelzuges mit internationaler Bedeutung wie der Fehmarnbelt erfüllen die IBA Kriterien und sind damit ebenfalls herausragend wichtige Vogellebensräume. Kriterium für eine "internationale Bedeutung" sind mindestens 20.000 durchziehende Greifvögel (Accipitriformes, Falconiformes), Störche (Ciconiidae) oder Kraniche (Gruidae) während einer Zugsaison. Solche Gebiete sind rein nach ihrer zahlenmäßigen Bedeutung unter Umständen "Faktische Vogelschutzgebiete" entsprechend der EU- Vogelschutzrichtlinie. |
Als Vergleichsmöglichkeit für die Vollständigkeit der Meldungen bestehen europaweit Übersichten über die ermittelten IBAs (Important Bird Areas). Diese Gebiete wurden von Naturschutzverbänden aufgrund rein fachlicher Kriterien identifiziert, abgegrenzt und die Ergebnisse publiziert (z.B. HEATH & EVANS 2000, Sonnenliste der Naturschutzverbände Schleswig-Holstein, NABU 2003). |
Sperber überfliegen in größerer Zahl die Meerenge
Vogelfluglinie in Gefahr
Dieser Zugkorridor ist unverzichtbarer Teillebensraum der wandernden Arten. Er ist auf der Vogelfluglinie in seiner Funktion stark gefährdet, denn entlang der Küsten der Inseln Fehmarn und Låland reihen sich gewaltige Windfarmen aneinander. Auf dänischer Seite ist seit kurzem ein Offshore-Windpark vor dem Schutzgebiet Rødsand errichtet worden, am 21. November 2004 war dem Fehmarner Tageblatt zu entnehmen, dass die dänische Regierung weitere 64 Anlagen bis 160 m Gesamthöhe genehmigt und zum Bau ausgeschrieben hat! Zumindest auf Fehmarn haben keine geeigneten Untersuchungen stattgefunden, die vor Errichtung der Windkraftanlagen die Bedeutung des Gebietes für den internationalen Vogelzug beschreiben und bewerten hätten. Die meisten Standorte auf der Insel gelten nunmehr als Eignungsräume und werden rechtlich gleich behandelt wie Eignungsräume, die vorab auf Verträglichkeit mit Vogelschutzerfordernissen hin untersucht worden sind. Aktuell fehlt es an einer Gesamtstrategie, um die Windkraftnutzung im Zuge des Repowering (Ersatz alter, kleiner Anlagen durch größere Anlagen) zu bündeln und zumindest die aus Vogelschutzsicht ungünstigsten Standorte zu streichen. Die größte Gefahr: In Deutschland und Dänemark bestehen Bestrebungen, beide Seiten des Fehmarnbelt mit einer festen Querung zu verbinden. Aus Kostengründen scheint in den zuständigen Ministerien eine Brücke favorisiert zu werden. Die bisher vorliegende Machbarkeitsstudie geht auf die Folgen für den Vogelzug nur unzureichend ein, eine Publikation aus dem Ministerium für Wirtschaft, Technologie und Verkehr erwähnt die Vogelschutz-Problematik (Störeffekte, Vogelschlag) nur mit 12 Zeilen und verharmlost das Risiko.
Möwenschwarm
Vogelschutz: Brücke nicht vertretbar
Aus Vogelschutzsicht sind im Einzugsbereich des Fehmarnbelt weder eine Nutzung der Windenergie - zumindest in diesem gewaltigen Umfang - noch eine Querung mittels Brücke vertretbar. Insofern ist hier ein notwendiges und fachlich begründbares IBA durch die Errichtung gewaltiger Bauwerke in seiner international bedeutsamen Funktion gefährdet, wenn nicht bereits erheblich beeinträchtigt. Eingriffe in die Zugwege sind Eingriffe in wandernde Populationen zahlreicher Arten eines sehr großen Einzugsgebietes, die nach bisherigen Erkenntnissen nicht ausgleichbar sind. Für Wat- und Wasservögel käme eine Brücke einer Abriegelung des Zugweges gleich - mit wahrscheinlich extrem hohen Verlusten.
Die politischen Parteien scheint dies allerdings wenig zu beeindrucken: Fast alle haben die feste Fehmarnbeltquerung im Programm, selbst die EU hat bis zu 30% Förderung in Aussicht gestellt. Man könnte vermuten, dass in Brüssel die eine Hand nicht weiß, was die andere macht, denn an anderer Stelle wird die Umsetzung der inzwischen 25 Jahre alten EU- Vogelschutzrichtlinie vorangetrieben bzw. die Umsetzung von den Mitgliedsländern eingefordert. Sicher: Die Erfüllung der IBA-Kriterien allein bietet keine Gewähr dafür, dass ein solches Gebiet gleichsam automatisch auch EU- Vogelschutzgebiet wird. Dennoch: Um dem Geist dieser Richtlinie zu entsprechen, wäre die Meldung eines Gebietes wie der Fehmarnbelt als Vogelzugweg eine Richtung weisende Entscheidung. Immerhin sind Zugwege funktional genauso wichtig wie Brut-, Rast- oder Überwinterungsgebiete. Und was kann mehr zu einem Netz von Schutzgebieten beitragen als ein international bedeutsamer Zugweg?
Aktuell erarbeiten Mitarbeiter der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft von Schleswig-Holstein Grundlagendaten für einen Vogelzugatlas. In diesem Rahmen sind - trotz räumlicher und zeitlicher Lücken - im Herbst 2004 >11.000 ziehende Greifvögel über Fehmarn registriert worden.
Autor
Bernd Koop
Ornithologische Arbeitsgemeinschaft Schleswig-Holstein
Dörpstraat 9
24306 Lebrade
Tel. 04383-999437
Bkoop.Avifauna@T-online.de
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Koop, B. (2004): Der Fehmarn-Belt - ein "bottle-neck" im europäischen Vogelzugsystem
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