Schleswig-Holstein.NABU.de Natur vor Ort Meeressäuger Symposium Munitionsbeseitigung
Toxikologische Betrachtung konventioneller Munition
Eine Frage der Verdünnung? - Toxikologische Betrachtung konventioneller Munition
Kurzfassung von Präsentation und Vortrag von Dr. Hermann Kruse, Institut für Toxikologie und Pharmakologie an der Christian-Albrechts-Universität Kiel, anlässlich des Symposiums "Neue Methoden der Munitionsbeseitigung in Nord- und Ostsee" am 19. Oktober 2007 in Kiel
Dr. Hermann Kruse
Die Thematik des heutigen Symposiums erinnert an die Debatte um den chemischen Kampfstoff "Lost" in den 70er Jahren, in deren Folge es in Schleswig - Holstein zu einem deutlichen Einbruch im Tourismus kam. Die Landesregierung gab ein Gutachten zu "Lost" in Auftrag, das jedoch lange unter Verschluss gehalten wurde. Das Kieler Institut für Umwelt-Toxikologie wurde ebenfalls in dieser Zeit gegründet, um folgende Punkte zu untersuchen:
- akute Gefahren durch "Lost"
- Risiken für das Ökosystem
- Risiken für die Nahrungsnetze im marinen System
- Aspekte der Gefahren-Abwehr
Auf der Basis dieser Aufträge wurde in Aquarien der Einfluss von "Lost" auf Dorsche untersucht: Die Dorsche blieben zwar gesund, solange sie nicht direkt mit dem am Beckenboden liegenden "Lost" in Berührung kamen. Einige der beteiligten Wissenschaftler kontaminierten sich jedoch selbst bei den durchgeführten Versuchen: Es kam zu Blasenbildung auf der Haut. Spätfolgen sind bis heute nicht auszuschließen.
Der aktuelle Fall "Kolberger Heide" betrifft jedoch nicht die Auswirkungen chemischer Kampfstoffe, sondern die toxikologische Beurteilung der Sprengung konventioneller Munition. Viele der Sprengstoffe wie TNT (Trinitrotoluol) sind dabei bekanntermaßen hochtoxisch und krebserregend. Für krebserregende Substanzen gibt es keine Grenzwerte. Bei einer Sprengung entstehen eine Vielzahl chemischer Verbindungen, da im Meerwasser unterschiedliche Sauerstoff-Konzentrationen herrschen und so eine komplette, vollständige Umsetzung des Sprengstoffs zu Kohlendioxid und Stickstoff nicht gewährleistet ist.
Das schleswig-holsteinische Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (MLUR) veröffentlichte jüngst eine Untersuchung von Wasser- und Sedimentproben im betreffenden Munitionsversenkungsgebiet "Kolberger Heide". Dazu ist festzuhalten: Die Liste der analytisch untersuchten Stoffe ist recht umfangreich und realistisch, wenn auch nicht vollständig. Sie umfasst sowohl krebserregende Substanzen als auch Substanzen mit endokriner Wirksamkeit (hormonähnliche Stoffe) und allergene Substanzen.
Diese wirken sich nachweislich schon in geringsten Konzentrationen schädlich auf Organismen aus. Die in der Liste des MLUR angegebenen Nachweisgrenzen sind dabei unrealistisch hoch angegeben. Sie können heute um den Faktor 1.000 unterschritten werden. Die Nachweisgrenzen der eingesetzten Verfahren müssen für eine sichere Beurteilung der Gefährdung deutlich gesenkt werden. Bei potentiell toxischen Substanzen ist immer auch zu prüfen, ob sie das Potential haben, sich über die Nahrungskette anzureichern. Bei Polychlorierten Biphenylen (PCB) hat man etwa einen Anreicherungsprozess vom Wasser bis ins Fettgewebe von Schweinswalen über sechs Zehnerpotenzen hinweg nachgewiesen.
Bei Sprengstoffen und deren Abbauprodukten ist es also fachlich dringend erforderlich, das Bioakkumulationspotential, also die Anreicherung über die Nahrungskette, langfristig zu untersuchen und bei einer Gefährdungsanalyse auszuschließen. Erste Indikatoren für ein starkes Anreicherungspotential von Verbindungen sind eine gute Fettlöslichkeit und die schlechte Abbaubarkeit in Organismen.
Es wird daher dringend empfohlen, Bioindikatoren in die Untersuchungen der Altlaststandorte einzubeziehen und ein Langzeit-Monitoring durchzuführen. Miesmuscheln, die weit verbreitet und standorttreu sind, bieten sich hier als filtrierende und sessile Organismen an.
Ein in jüngster Zeit beobachtetes Phänomen ist eine in manchen Ostsee-Schollen gefundene, stark erhöhte Arsen-Konzentration. Da auch manche chemische Kampfstoffe, die in der Ostsee versenkt wurden, Arsenverbindungen enthalten, ist dies eine mögliche Ursache für die Belastung. Dies wird derzeit im Rahmen zweier Promotions-Studien untersucht wird.
(Zusammenfassung: Koschinski / ILu)
Kontakt
Dr. Hermann Kruse
Institut für Toxikologie und Pharmakologie
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein Campus Kiel
Brunswiker Str. 10
24105 Kiel
Tel. 0431-5973543
Kruse@toxi.uni-kiel.de
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English version
A question of dilution? - Toxicological aspects of conventional and chemical ammunition
The current case of Kolberger Heide is not about the impact of chemical agents, but about the toxicological assessment of explosions of conventional ammunition. It is known that many explosives such as TNT (trinitrotoluene) are highly toxic and carcinogenic when detonating.
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